Deutsche Wirtschaft zeigt sich deutlich widerstandsfähiger als erwartet
Die deutsche Wirtschaft zeigt sich angesichts des Energiepreisschocks wegen des Irankrieges deutlich widerstandsfähiger als erwartet. Im zweiten Quartal legte die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent zu, das Statistische Bundesamt in Wiesbaden korrigierte eine erste Schätzung von Ende Juli am Dienstag um 0,1 Prozentpunkte nach oben. Zudem revidierten die Statistiker die Zahlen der Vorquartale leicht und für das Jahr 2024 deutlich - die Wachstumsprognosen von Ökonomen für das Jahr 2026 verbesserten sich deshalb stark.
"Die Wachstumsdynamik der deutschen Wirtschaft vom Jahresbeginn setzt sich fort", erklärte Statistikamt-Präsidentin Ruth Brand. "Wie schon im ersten Quartal ging der Anstieg vor allem auf die gute Exportentwicklung zurück." Im Vergleich zur ersten Schätzung entwickelten sich den Statistikern zufolge zudem die Umsätze im Groß- und Einzelhandel deutlich positiver.
Zur Revision älterer Daten erklärte das Statistikamt, dass für das Jahr 2024 die Miteinbeziehung "neuer verfügbarer statistischer Informationen in die Berechnungen" eine Veränderung um einen halben Prozentpunkt ergeben habe. Zunächst war damals von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,5 Prozent ausgegangen worden. Nach jetzigen Erkenntnissen stagnierte die Wirtschaft jedoch.
Für 2025 insgesamt blieb die BIP-Veränderungsrate mit einem leichten Plus von 0,2 Prozent unverändert, allerdings korrigierten die Statistiker die Angaben für das vierte Quartal 2025 und das erste Quartal 2026 leicht nach oben. "Da nun die Ausgangsbasis zum Jahresbeginn bereits deutlich besser war als zuvor gemeldet, dürfte auch das Wachstum im Gesamtjahr 2026 höher ausfallen als zuvor prognostiziert", erklärte dazu Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.
"Damit dürfte die deutsche Wirtschaft im Gesamtjahr 2026 um mindestens 1,1 Prozent wachsen", führte der Ökonom aus. "Nach den aktualisierten Daten geht es der deutschen Wirtschaft besser, als es derzeit in der wirtschaftspolitischen Debatte dargestellt wird."
"Die deutsche Wirtschaft hat sich in diesem Jahr deutlich widerstandsfähiger gezeigt als allgemein angenommen", erklärte auch die Förderbank KfW. Sie korrigierte ihre Wachstumsprognose für 2026 massiv nach oben: von 0,4 auf 1,1 Prozent. Die KfW-Experten verwiesen unter anderem auf "die perspektivisch merklich anziehende Industrieproduktion, die in den steigenden Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe angelegt ist".
"Die unklare Situation in der Straße von Hormus, die Zollkonflikte mit den USA sowie das Niedrigwasser in Deutschland sind alles Faktoren, die die deutsche Wirtschaft weiterhin belasten", schränkte KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher ein. "Wir sehen dennoch Licht." Auch wegen des Sondervermögens der Bundesregierung erwarte er "ab dem Schlussquartal dieses Jahres wieder positive, teils kräftige Wachstumsraten".
Im zweiten Quartal legten die Warenexporte den Daten des Statistikamts zufolge um 2,6 Prozent zu, während die Dienstleistungsexporte konstant blieben. Insgesamt ergab sich so ein Exportplus von 2,0 Prozent. Ähnlich sah es bei den Importen aus: Die Warenimporte stiegen um 2,1 Prozent, die Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland um 0,3 Prozent. Insgesamt ergab dies einen Anstieg um 1,5 Prozent.
Die Bruttowertschöpfung stieg um 0,4 Prozent. Ein deutliches Plus von 0,9 Prozent gab es im Verarbeitenden Gewerbe, vor allem in der Herstellung von chemischen Erzeugnissen und elektrischer Ausrüstungen. Im Baugewerbe gab es ein leichtes Minus von 0,1 Prozent - "damit schwächte sich die Abwärtsdynamik der vergangenen Quartale zumindest ab", erklärte das Statistikamt.
Im Dienstleistungsbereich stieg in fast allen Unterbereichen die Wirtschaftsleistung. Deutliche Zuwächse im Vorquartalsvergleich erzielten der Bereich Information und Kommunikation, das Grundstücks- und Wohnungswesen sowie die Öffentlichen Dienstleister (jeweils plus 0,6 Prozent). Nur die Finanz- und Versicherungsdienstleister mussten ein Minus bei der Bruttowertschöpfung hinnehmen.
J.Hochholzer--SbgTB