Heldentat im Hexenkessel: Pogacar siegt in Alpe d'Huez
Tadej Pogacar flog wie entfesselt durch das Menschenmeer im ohrenbetäubend lauten Hexenkesel von Alpe d'Huez, nach einem seiner größten Siege breitete er schließlich in Triumphpose die Arme aus. Der slowenische Superstar hat bei der Tour de France allen Schwächegerüchten getrotzt und nach einer schieren Demonstration seiner Stärke erstmals am berühmtesten Berg der Radsport-Welt triumphiert.
Mit seinem fünften Etappensieg der laufenden Tour beseitigte der übermächtige Dominator fast alle Zweifel am historischen fünften Gesamtsieg. Damit würde Pogacar zu den Rekordchampions Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain aufschließen.
Vor einer sagenhaften Kulisse von einer halben Million Menschen an den legendären 21 Alpenkehren trat der 27-Jährige zwölf Kilometer vor dem Ziel an, ließ seine chancenlosen Rivalen stehen und sammelte alle Ausreißerr ein - die letzten ließ er auf dem Schlusskilometer stehen. Im Ziel hatte Pogacar sechs Sekunden Vorsprung auf den Franzosen Lenny Martinez.
In der Gesamtwertung führt Pogacar vor der zweiten und noch schwereren Alpe-d'Huez-Etappe am Samstag mit 7:11 Minuten vor Remco Evenepoel. Der belgische Kapitän des deutschen Red-Bull-Teams nahm als Tagessechster den weiteren Rivalen erneut Zeit ab. Im Kampf um den Gesamtsieg ist das aber nebensächlich: Es scheint unmöglich, dass Pogacar das Gelbe Trikot ohne Unfall noch verliert.
Gesamtdritter bleibt Pogacars mexikanischer Teamkollege Isaac del Toro (+9:42), der knapp hinter Evenepoel ins Ziel kam. Frankreichs Supertalent Paul Seixas verpasste einen Coup auf der größten Bühne des Radsports und bleibt nach Platz neun Gesamtvierter (+10:06). Den Franzosen droht die nach 1926 und 1999 erst dritte Tour ohne Etappensieg.
Pogacar selbst steht nun bei 26 Tagessiegen - diesen einen, der ihm noch fehlte, wollte er unbedingt. "Es gibt zwei Chancen, da zu gewinnen, also will ich es probieren", hatte Pogacar, der 2022 beim Sieg des britischen Ausreißers Thomas Pidcock Fünfter geworden war, beim Start am Freitagmittag gesagt.
Und schon am Beginn des Anstiegs machte er ernst, setzte seine Kontrahenten sofort unter Druck und startete wenig später durch - auch Evenepoel war chancenlos. Der Belgier blieb fünf Kilometer vor dem Ziel mit den weiteren Verfolgern fast in den Fan-Massen stecken.
Pogacars UAE-Team, das an den vergangenen Tagen mit einem im Team grassierenden Virus zu kämpfen hatte, zeigte auf dem Weg zum Schlussanstieg kaum Anzeichen von Schwäche. Auch der unkaputtbare Nils Politt sorgte dafür, dass der Kapitän nach Plan am Fuße des Schlussanstiegs abgeliefert wurde.
Weil die ersten 114 von 128 km der Etappe nicht selektiv genug waren, tat sich bis dahin wenig. Mit dreieinhalb Minuten Vorsprung auf die heranrasende Pogacar-Gruppe fuhren 14 Ausreißer in den abschließenden Berg - dann begann die große Pogi-Show.
An den Kehren hinauf nach nach Alpe d'Huez herrschte schon seit Tagen Ausnahmezustand, 24 Stunden vor dem Rennen sperrten die Behörden die Straße für Autos ab. Hunderttausende feierten die Nacht hindurch eine riesige Party an der Strecke, am Renntag gab es auch für Radfahrer kein Durchkommen mehr - und die selbst hartgesottene Profis blickten dem Anstieg mit Sorgen entgegen.
"Es macht mir auch etwas Angst. Mal sehen, wie extrem es wird", sagte Evenepoel vor seiner Alpe-d'Huez-Premiere. "Das wird wieder ein Chaos geben", prophezeite Pogacar und erinnerte sich mit Gruseln an die Berichte seiner Verlobten aus dem Jahr 2022. "Ich bin froh, dass Urska die Steigung nicht wie damals 2022 hochfahren wird. Das war sie total verdreckt, weil so viele Leute sie angefasst und geschüttelt hatten."
D.Stadlmann--SbgTB