Tour de France: Sprintkönig Merlier schlägt wieder zu
Tim Merlier riss jubelnd die Arme in die Höhe, als er die deutschen Sprinter der letzten Chance auf einen Tagessieg bei der Tour de France beraubt hatte. Im von einem schweren Sturz überschatteten Finale der 12. Etappe feierte der König des Massensprints seinen dritten Tageserfolg und rückte nach der Enttäuschung des Vortages die Hierarchie der schnellen Männer zurecht.
In der Burgunderstadt Chalon-sur-Saone ließ Ex-Europameister Merlier (Soudal Quick-Step) der Konkurrenz keine Chance. Die noch sieglosen deutschen Sprint-Hoffnungen um Max Kanter, der als bester Deutscher Siebter wurde, dürften nach der mutmaßlich letzten Sprintentscheidung bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt leer ausgehen. Merlier - im Sprint am Mittwoch enttäuschender 15. - verwies nach 179,1 km den Niederländer Olav Kooij (Decathlon-CMA CGM) vor Jasper Philipsen (Belgien/Alpecin-Premier Tech) auf die Plätze.
Das Gelbe Trikot von Spitzenreiter Tadej Pogacar geriet erneut nicht in Gefahr. Der viermalige Gesamtsieger aus Slowenien (UAE Emirates-XRG) hat 3:36 Minuten Vorsprung auf Verfolger Jonas Vingegaard (Dänemark/Visma-Lease a Bike). Der Vorjahresdritte Florian Lipowitz (Red Bull-Bora-hansgrohe) ist Sechster (+4:44).
Nach dem Start auf dem ehemaligen Formel-1-Kurs in Magny-Cours, auf dem Michael Schumacher den Streckenrekord hält, stellte sich zunächst das Wunschszenario für die Sprinterteams und Klassementfahrer ein: Ein einzelner Ausreißer - der Franzose Baptiste Veistroffer (Lotto Intermarché) - stellte keine Gefahr für das erwartete Sprintfinale dar. Obwohl später ein Trio zu Veistroffer aufschloss, wartete auf Pogacar und die restlichen Spitzenfahrer eine erneut flotte, aber vermeintlich ruhige Überführungsetappe in Richtung der nächsten Berge.
Der deutsche Hoffnungsträger Florian Lipowitz erlaubte sich dabei ein Späßchen. Der 25-Jährige vom deutschen Red-Bull-Team zielte mit einer Trinkflasche auf eine am Straßenrand aufgestellte Zielscheibe - und verfehlte: "Das ist der Grund, warum ich mit Biathlon aufgehört habe", scherzte der frühere Biathlet in Richtung des TV-Motorrads. Pogacar-Verfolger Vingegaard wurde zwischenzeitlich von einem Defekt zurückgeworfen, schaffte aber schnell den Anschluss und büßte keine Zeit ein.
In Sicherheit wiegen durften sich die Sprinterteams jedoch nicht: Auf den diversen Wellen im Schlussabschnitt des Rennes rissen tempoharte Fahrer wie der frühere Zeitfahrweltmeister Filippo Ganna Lücken an der Spitze des Feldes. Auch Georg Steinhauser beteiligte sich an der letztlich erfolglosen Attacke. An der Cote de Montagny-lès-Buxy, einem der drei gewerteten Anstiege (4. Kategorie) rund 20 km vor dem Ziel, scheiterten weitere Fluchtversuche.
Das Tempo blieb hoch, das Rennen hektisch und nervös. Letztlich bekamen die Sprintteams die Lage aber unter Kontrolle. Das Finale wurde von einem schweren Massensturz überschattet, die Spitze um Merlier blieb davon verschont und fuhr den Sieg aus.
Nach zwei Flachetappen geht es am Freitag zurück ins Gebirge, wenngleich auf der 13. Etappe die ganz großen Anstiege fehlen. Auf dem 205,8 km langen Ritt nach Belfort - der längsten Etappe der diesjährigen Tour - stehen ein Anstieg der dritten sowie mit dem Ballon d'Alsace einer der ersten Kategorie auf dem Plan. Ausreißer werden sich große Hoffnungen auf einen Tagessieg machen.
L.Singer--SbgTB